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Die Omega-3-Lüge

  • Autorenbild: HP Burkhard Schroeder
    HP Burkhard Schroeder
  • 20. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Aug.


Warum das Verhältnis von EPA zu DHA nicht alles entscheidet und Laboranalysen oft wichtiger sind als Werbeversprechen.



Wer sich mit Omega‑3-Präparaten beschäftigt, begegnet schnell vollmundigen Behauptungen: Ein Verhältnis von 2:1, 3:1oder 4:1 zwischen EPA und DHA soll angeblich überlegen sein – je nach Hersteller natürlich genau das eigene Produkt. Der Eindruck: Wer das richtige Verhältnis wählt, hat automatisch den größten Nutzen.

Die Realität ist deutlich komplexer. Ein „perfektes“ Verhältnis, das für alle Menschen gilt, existiert nicht. Ernährung, Stoffwechsel, gesundheitliche Situation und Zielsetzung beeinflussen, was sinnvoll ist. Entscheidend ist deshalb nicht die Zahl auf dem Etikett, sondern die Frage, wie gut der Körper tatsächlich mit Omega‑3 versorgt ist.


Abstrakte Darstellung von Fischöl, Algenöl und Laboruntersuchung im Blut.

🐟 Was Omega‑3-Fettsäuren eigentlich sind

Omega‑3-Fettsäuren gehören zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Die drei wichtigsten Vertreter:

  • ALA – vor allem in Leinöl, Walnüssen, Chiasamen und Rapsöl

  • EPA – reichlich in fettem Seefisch und bestimmten Algen

  • DHA – ebenfalls aus Fisch und Algen, zentral für Gehirn und Netzhaut

Der Körper kann ALA nur sehr begrenzt in EPA und DHA umwandeln. Wie gut das gelingt, hängt u. a. von Geschlecht, Ernährung und Stoffwechsel ab. Pflanzliche Quellen bleiben wertvoll, ersetzen aber die direkte Aufnahme von EPA und DHA meist nicht vollständig.


🔍 EPA und DHA: zwei Fettsäuren, zwei Rollen

EPA und DHA werden oft in einem Atemzug genannt, erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben:

  • DHA ist ein struktureller Baustein von Zellmembranen – besonders im Gehirn und in der Netzhaut.

  • EPA ist Ausgangsstoff für Signal- und Regulationsmoleküle, die u. a. Entzündungsprozesse beeinflussen.

Solche Unterschiede verleiten zu einfachen Botschaften („DHA fürs Gehirn“, „EPA gegen Entzündungen“). Doch biologische Systeme funktionieren nicht nach Marketinglogik. Aus den verschiedenen Funktionen lässt sich kein universelles Idealverhältnis ableiten.


🎯 Gibt es das perfekte EPA‑DHA‑Verhältnis?

Kurz gesagt: Nein. Studien nutzen je nach Fragestellung völlig unterschiedliche Zusammensetzungen – von EPA‑dominant bis DHA‑reich. Was im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von vielen Faktoren ab:

  • Ernährungsweise und Fischkonsum

  • Ausgangsversorgung

  • Dosierung und Einnahmedauer

  • Verdauung und Fettstoffwechsel

  • Alter, Körpergewicht, Stoffwechselvarianten

  • Erkrankungen und Medikamente

Ein ausgewogenes Produkt ist für viele Menschen eine gute Basis. Aber das Verhältnis allein sagt nichts darüber aus, ob die Versorgung tatsächlich ausreicht.


📈 Der Omega‑3‑Index: ein Blick auf die tatsächliche Versorgung


Der Omega‑3‑Index misst den Anteil von EPA und DHA in den Membranen roter Blutkörperchen. Er zeigt die längerfristige Versorgung – nicht nur eine Momentaufnahme.

Ein Bereich um 8 % wird häufig als günstig diskutiert, aber das ist kein absoluter Grenzwert, aber ein durchaus brauchbarer Orientierungswert, sofern ein standardisiertes Laborverfahren genutzt wird.

Für die Praxis bedeutet das:


  1. Ausgangswert bestimmen – Wo stehe ich?

  2. Maßnahmen planen – Ernährung anpassen oder supplementieren?

  3. Verlauf kontrollieren – Entwickelt sich der Wert wie gewünscht?

Das Prinzip lautet: messen, einordnen, gezielt handeln.


🌾 Omega‑6 vs. Omega‑3: Warum der Quotient allein nicht reicht

Das Verhältnis von Omega‑6 zu Omega‑3 wird oft als Maßstab genannt. Doch hier gibt es Missverständnisse:

  • Das gesamte Omega‑6/Omega‑3-Verhältnis ist nicht dasselbe wie der Arachidonsäure/EPA‑Quotient, der in manchen Analysen auftaucht.


  • Omega‑6-Fettsäuren sind nicht grundsätzlich „schlecht“. Sie sind essenziell.

Problematisch ist meist das Ernährungsmuster: wenig Omega‑3, viel stark verarbeitete Lebensmittel. Statt sich auf einen einzelnen Quotienten zu fixieren, ist das gesamte Fettsäureprofil entscheidend – und eine insgesamt ausgewogene Ernährung.


🌊 Fischöl oder Algenöl – was ist besser?

Beide liefern EPA und DHA. Algenöl ist nicht nur für Veganer interessant; moderne Produkte sind gut verfügbar und in Studien oft gleichwertig zu Fischöl. Eine Untersuchung von 2025 zeigte beispielsweise keine Unterlegenheit von Mikroalgenöl in den gemessenen Parametern. Diese Parameter beziehen sich jedoch nur auf den EPA/DEA Gehalt der beiden Produkte. Hier noch ein paar Unterschiede, die über diese Parameter hinaus gehen:

Algenöl enthält als rein pflanzliches Produkt keine tierischen Fette, tierischen Proteine, kein Cholesterin und keine fischspezifischen Spurenelemente wie Jod. Zudem fehlt ihm das breite, arteigene Spektrum an über 40 verschiedenen marinen Fettsäuren, welches natürlicher Fisch enthält.

Im Detail sind folgende Bestandteile im Algenöl nicht enthalten:

  • Tierisches Cholesterin: Algenöl ist komplett cholesterinfrei, während Fischöl produktionsbedingt geringe Spuren davon aufweisen kann.


  • Marines Jod und Spurenelemente: Jod und andere Mineralien reichern sich in der Nahrungskette erst in Fischen oder Meerestieren an. Reines Algenöl ist frei davon. [


  • Vollspektrum tierischer Fettsäuren: Konventionelles Fischöl (z. B. aus Lachs oder Sardellen) liefert von Natur aus neben den Hauptfettsäuren auch kleinere Mengen an Omega-7, Omega-9, Omega-11 und anderen tierischen Lipidverbindungen. Algenöl besteht fast ausschließlich aus Omega-3 (DHA/EPA).


  • Schadstoffe aus den Ozeanen: Schwermetalle (wie Quecksilber), Mikroplastik oder PCBs reichern sich in der Nahrungskette in Fischen an. Die Produkte müssen daher aufwendig gereinigt werden. In Algenöl aus sterilen, kontrollierten Zuchttanks fehlen diese Schadstoffe gänzlich.


Wichtiger als die Quelle sind bei einem Produkt folgende Qualitätskriterien wichtig:

  • tatsächlicher EPA‑/DHA‑Gehalt

  • Reinheit und Qualität

  • Schutz vor Oxidation

  • Verträglichkeit

  • Herkunft und Nachhaltigkeit

  • Belegte Zertifizierung

Die Frage lautet daher nicht „Fisch oder Alge?“, sondern: Passt das Produkt zu meinen Bedürfnissen?


📦 Wie viel Omega‑3 ist sinnvoll?

Eine allgemeine Tagesdosis gibt es nicht. Oft wird eine Tagesdosis von 2000mg empfohlen, das entspricht bei einem Öl einem Esslöffel pro Tag. Der Bedarf hängt aber von Ernährung, Ausgangswert, Lebensphase und gesundheitlicher Situation ab. Höhere Dosierungen sollten medizinisch begleitet werden – besonders bei Gerinnungsstörungen, Operationen, gerinnungshemmenden Medikamenten, Schwangerschaft/Stillzeit oder bestehenden Erkrankungen.

Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine ausgewogene Ernährung und keine medizinische Behandlung.

🧭 Fazit: Nicht das Verhältnis, sondern die Versorgung zählt


Das vermeintlich perfekte EPA‑DHA‑Verhältnis ist meist ein Marketingargument. Beide Fettsäuren sind wichtig, aber ihre optimale Zufuhr lässt sich nicht auf eine einzige Zahl reduzieren.

Worauf es wirklich ankommt:

  • EPA‑ und DHA‑Aufnahme über Ernährung oder geeignete Präparate

  • Qualität des Produkts und passende Dosierung

  • Standardisierte Fettsäureanalyse mit fachlicher Einordnung

Eine Laboruntersuchung hilft, die Versorgung objektiver zu beurteilen – immer im Kontext von Ernährung, Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikation.


🧪 Fettsäureanalyse in der Praxis

Bei ca. 80% der von mir über viele Jahre untersuchten Patienten konnte ein Mangel an Omega-3 und ein oft erheblicher Überschuss von Omega-6 gemessen werden und das auch bei Patienten die vorher schon Fischöl eingenommen haben. In meiner Praxis biete ich Laboruntersuchungen zur Bestimmung des individuellen Fettsäureprofils an. Auf Basis der Messwerte lässt sich besprechen, ob eine Ernährungsanpassung oder eine gezielte Ergänzung sinnvoll ist. Im Mittelpunkt steht nicht ein bestimmtes Produkt, sondern eine nachvollziehbare, individuelle Strategie.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung.


Quellen

  1. National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements

  2. Harris WS: The Omega‑3 Index: clinical utility for therapeutic intervention

  3. Bailey E et al. (2025): Comparative Bioavailability of DHA and EPA from Microalgal and Fish Oil


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