Hoch dosierte Antioxidantien sind NICHT automatisch gesund - nehmen Sie zuviel Ergänzungsmittel ?
- HP Burkhard Schroeder

- 2. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Aug.
Antioxidantien: Warum mehr nicht immer besser ist
Antioxidantien gelten als Schutzstoffe für unsere Zellen. Vitamin C, Vitamin E, Selen, Beta-Carotin und verschiedene Pflanzenstoffe sollen sogenannte freie Radikale unschädlich machen. Daraus entstand die einfache Vorstellung: Je mehr Antioxidantien wir aufnehmen, desto besser sind wir geschützt.
So einfach ist es jedoch nicht. Antioxidantien sind wichtig – aber unser Körper benötigt ebenso ein gewisses Maß an Oxidation. Entscheidend ist das Gleichgewicht.

Was sind freie Radikale?
Bei vielen Stoffwechselvorgängen entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen. Einige davon werden als freie Radikale bezeichnet. Sie können andere Moleküle angreifen und dadurch Zellen, Zellmembranen oder die Erbsubstanz schädigen.
Freie Radikale entstehen unter anderem durch:
normale Energiegewinnung in den Zellen
Entzündungen und Infektionen
Rauchen
Elektrosmog
UV-Strahlung
hohen Alkoholkonsum
Luftschadstoffe
Belastungen durch Schwermetalle
starke oder ungewohnte körperliche Belastung
dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte
Werden über längere Zeit mehr reaktive Verbindungen gebildet, als der Körper kontrollieren kann, spricht man von oxidativem Stress.
Freie Radikale sind nicht nur schädlich
Unser Organismus stellt reaktive Sauerstoffverbindungen auch ganz bewusst her. Abwehrzellen nutzen sie beispielsweise, um Bakterien und andere Krankheitserreger zu bekämpfen. In der Schilddrüse werden oxidative Prozesse zur Bildung von Schilddrüsenhormonen benötigt.
Auch beim Sport haben freie Radikale eine wichtige Funktion. Sie wirken als Signal an die Zellen: Der Körper erkennt die Belastung und passt sich daran an. Dadurch können sich unter anderem Muskeln, Stoffwechsel und Mitochondrien weiterentwickeln.
Das Ziel sollte deshalb nicht sein, sämtliche freien Radikale zu beseitigen. Es geht darum, eine übermäßige und unkontrollierte Belastung zu vermeiden.
Wie schützt sich der Körper selbst?
Der menschliche Körper besitzt ein eigenes antioxidatives Schutzsystem. Dazu gehören beispielsweise:
Superoxiddismutase
Katalase
Glutathionperoxidase
Glutathion
Für die Bildung und Funktion dieser Schutzsysteme werden unter anderem Eiweiß, Selen, Zink, Kupfer, Mangan und Eisen benötigt. Das bedeutet aber nicht, dass diese Stoffe vorsorglich hoch dosiert eingenommen werden sollten. Sowohl ein Mangel als auch eine Überversorgung können Probleme verursachen.
Der Körper kann seine Schutzsysteme außerdem als Reaktion auf leichte Reize verstärken. Regelmäßige Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel. Auch verschiedene Inhaltsstoffe aus Gemüse, Kräutern, Gewürzen und Beeren können entsprechende Signalwege beeinflussen. Auch die Oxyvenierung ist ein echtes Training der Mitochondrienfunkktion. Dabei wird medizinischer Sauerstoff direkt ins B
lut geleitet.
Lebensmittel wirken anders als einzelne Kapseln
Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Vollkornprodukte enthalten nicht nur ein einzelnes Antioxidans. Sie liefern eine Mischung aus Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen.
Diese Stoffe unterstützen sich gegenseitig. Ein Teil der Pflanzenstoffe wird außerdem von den Darmbakterien verarbeitet. Ihre gesundheitliche Wirkung lässt sich daher nicht allein damit erklären, dass sie freie Radikale direkt „wegfangen“.
Ein hoher Laborwert sagt ebenfalls wenig darüber aus, wie ein Stoff im menschlichen Körper wirkt. Das betrifft insbesondere den früher häufig verwendeten ORAC-Wert. Er beschreibt eine Reaktion im Reagenzglas, berücksichtigt aber weder Aufnahme noch Umwandlung und Verteilung im Körper.
Eine abwechslungsreiche pflanzenbetonte Ernährung ist deshalb nicht mit einer hoch dosierten Vitaminkapsel vergleichbar.
Was zeigen Studien zu Antioxidantien als Nahrungsergänzung?
Beta-Carotin bei Rauchern
In der großen ATBC-Studie erhielten männliche Raucher unter anderem Beta-Carotin. Die Einnahme senkte das Lungenkrebsrisiko nicht, sondern erhöhte es. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die CARET-Studie mit Rauchern, ehemaligen Rauchern und asbestbelasteten Personen. Diese Studie wurde wegen ungünstiger Ergebnisse vorzeitig beendet.
Für Raucher und Menschen mit beruflicher Asbestbelastung sind hoch dosierte Beta-Carotin-Präparate daher nicht zu empfehlen. Das gilt nicht für Beta-Carotin aus Gemüse wie Karotten, Kürbis oder Spinat.
Vitamin E und Prostatakrebs
In der SELECT-Studie wurde untersucht, ob Vitamin E oder Selen vor Prostatakrebs schützen. Bei den Männern, die täglich 400 Internationale Einheiten Vitamin E erhielten, trat Prostatakrebs häufiger auf als in der Placebogruppe.
Vitamin E sollte deshalb nicht hoch dosiert eingenommen werden, um Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
Antioxidantien und Sterblichkeit
Eine Cochrane-Auswertung von 78 randomisierten Studien mit fast 300.000 Teilnehmern fand keinen lebensverlängernden Nutzen antioxidativer Präparate. Bei bestimmten Präparaten – vor allem Beta-Carotin, Vitamin A und Vitamin E – zeigte sich in den methodisch zuverlässigeren Studien sogar eine leichte Erhöhung der Sterblichkeit.
Das bedeutet nicht, dass jedes Antioxidans gefährlich ist. Es zeigt aber, dass isolierte und hoch dosierte Präparate nicht pauschal als gesund angesehen werden dürfen.
Antioxidantien beim Sport
In mehreren Untersuchungen schwächten hohe Dosierungen von Vitamin C und Vitamin E bestimmte Anpassungsvorgänge an Ausdauer- oder Krafttraining ab. Nicht alle messbaren Trainingserfolge wurden dadurch verhindert. Die Studien sprechen aber gegen eine routinemäßige hoch dosierte Einnahme rund um das Training.
Vitamin C aus Obst und Gemüse ist davon nicht betroffen.
Sind besondere Antioxidantien wie Q10, NAD+ oder Astaxanthin besser?
Molekularer Wasserstoff, Sulforaphan, Astaxanthin und Coenzym Q10 werden häufig als besonders gezielt wirkende Antioxidantien beworben.
Zu diesen Stoffen gibt es interessante Laboruntersuchungen und kleinere klinische Studien und Teilweise wurden Verbesserungen einzelner Messwerte beobachtet.
Die Bezeichnung „natürlich“ garantiert jedoch weder Wirksamkeit noch Sicherheit.
Wann können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein?
Eine gezielte Einnahme kann sinnvoll sein, wenn ein Mangel nachgewiesen wurde, ein erhöhter Bedarf besteht oder eine bestimmte Erkrankung die Aufnahme beeinträchtigt.
Beispiele sind:
ein festgestellter Nährstoffmangel
bestimmte Erkrankungen von Magen oder Darm
eine stark eingeschränkte Ernährung
besondere Lebensphasen
ärztlich begründete therapeutische Anwendungen
In diesen Fällen sollten Auswahl, Dosierung und Dauer individuell festgelegt werden. Eine möglichst hohe Dosierung ist dabei selten das richtige Ziel.
Handlungsempfehlungen für Patienten
Wer bereits antioxidative Präparate einnimmt, sollte die Einnahme nicht einfach nach Werbeaussagen beurteilen. Folgende Schritte sind sinnvoll:
1. Alle Präparate auflisten
Notieren Sie den Namen, die tägliche Dosierung und den Grund der Einnahme. Berücksichtigen Sie auch Multivitaminpräparate, angereicherte Getränke und Pulver. Dadurch fallen unbeabsichtigte Doppel- oder Mehrfachdosierungen auf.
2. Den persönlichen Nutzen klären
Fragen Sie sich bei jedem Präparat:
Welches konkrete Ziel verfolge ich?
Liegt ein nachgewiesener Mangel vor?
Wie lange soll ich das Präparat einnehmen?
Woran lässt sich erkennen, ob es mir tatsächlich hilft?
Ein unspezifisches Versprechen wie „Zellschutz“ reicht als Begründung für eine dauerhafte Hochdosis-Einnahme nicht aus.
3. Hoch dosierte Kombinationen überprüfen lassen
Besondere Vorsicht ist sinnvoll bei:
Beta-Carotin für Raucher und ehemalige starke Raucher
hoch dosiertem Vitamin E
hoch dosiertem Vitamin A
Selen ohne festgestellten Bedarf
langfristig hohen Zinkmengen
hoch dosiertem Vitamin C bei Nierenproblemen oder Neigung zu Nierensteinen
mehreren Präparaten mit denselben Inhaltsstoffen
4. Medikamente und Erkrankungen berücksichtigen
Vitamin E kann in höheren Dosierungen die Blutungsneigung verstärken. Vorsicht ist daher unter anderem bei gerinnungshemmenden Medikamenten geboten. Auch Q10, Vitamin C, Vitamin A, Selen und Pflanzenextrakte können abhängig von Dosis und Erkrankung Wechselwirkungen verursachen.
Vor Operationen sollte die Einnahme sämtlicher Nahrungsergänzungsmittel mit der behandelnden Praxis besprochen werden.
5. Bei einer Krebstherapie besonders vorsichtig sein
Während einer Chemo- oder Strahlentherapie sollten hoch dosierte Antioxidantien nur nach Rücksprache mit dem behandelnden onkologischen Team verwendet werden. Manche Krebstherapien nutzen oxidative Mechanismen, um Tumorzellen zu schädigen. Ob Antioxidantien die Wirkung beeinflussen, hängt von Therapie, Präparat, Dosis und Zeitpunkt der Einnahme ab.
Verordnete Präparate sollten umgekehrt nicht eigenmächtig abgesetzt werden.
6. Hochdosierte Antioxidantien nicht direkt zum Training einnehmen
Gesunde Sportler benötigen normalerweise keine hoch dosierten Vitamin-C- oder Vitamin-E-Präparate rund um das Training. Eine normale Versorgung über Lebensmittel bleibt sinnvoll. Eine Laboruntersuchung kann zeigen, ob eine Substitution sinnvoll ist.
7. Lebensmittel an die erste Stelle setzen
Eine gute Grundversorgung gelingt am besten durch eine abwechslungsreiche Ernährung mit:
verschiedenfarbigem Gemüse
Obst in angemessenen Mengen
Hülsenfrüchten
Nüssen und Samen
Vollkornprodukten
hochwertigen pflanzlichen Ölen
ausreichenden Eiweißquellen
Ebenso wichtig sind Nichtrauchen, Bewegung, erholsamer Schlaf, ein maßvoller Alkoholkonsum und die Behandlung erhöhter Blutzuckerwerte.
Fazit
Antioxidantien sind lebenswichtig. Dennoch gilt nicht: Je mehr, desto besser. Freie Radikale erfüllen wichtige Aufgaben im Immunsystem, im Stoffwechsel und bei der Anpassung an körperliche Belastung.
Hoch dosierte Präparate sollten einen nachvollziehbaren Grund haben und individuell geprüft werden.
Besonders wichtig ist eine fachliche Rücksprache bei Krebserkrankungen, regelmäßiger Medikamenteneinnahme, Nierenerkrankungen, vor Operationen sowie bei der Einnahme mehrerer hoch dosierter Präparate.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine individuelle medizinische Untersuchung oder Beratung.
Ausgewählte Studien und Quellen
ATBC-Studie: Vitamin E, Beta-Carotin und Lungenkrebs bei Rauchern
CARET-Studie: Beta-Carotin und Vitamin A bei Rauchern und Asbestbelastung
Cochrane-Auswertung zu antioxidativen Präparaten und Sterblichkeit
Ristow et al.: Antioxidantien und gesundheitliche Trainingseffekte
USPSTF-Empfehlung zu Vitaminen zur Vorbeugung von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Deutsche Krebsgesellschaft: Nahrungsergänzung während einer Krebstherapie
Verbraucherzentrale: Antioxidantien und Nahrungsergänzungsmittel




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